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Mauro Rusterholz

 

Mallorca Mai 2012

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Nachtleben in Zürich

Imagewandel im Quartier: Rund um die Zürcher Rotlichtmeile Langstrasse und im ehemaligen Industriequartier spriesst junges kreatives Leben in alten Gemäuern. Ob Galerie, Restaurant oder Tanzclub - Züri-West setzt die Trends.

Zürich ist zu reich. Zürich ist adrett und lieb und nett, Zürich ist ein Streber. Zürich ist der Paradeplatz, sein Fundament ist pures Gold. Zürich ist alte Damen mit Pelzmänteln und kleinen Hunden, die im "Sprüngli" spitzlippig Luxemburgerli knabbern. Aber Zürich ist auch anders, ist Drogen und Prostitution und Gewalt und Häuserbesetzung und Subkultur und Nachtleben.

Diese andere Geschichte der Stadt lässt sich von einem Knotenpunkt aus erzählen: dem Taxistand an der Langstrasse 94, einem kleinen Platz mitten im Sündenbabel. Noch bis vor ein paar Monaten standen da Taxifahrer rum und stritten sich mit den Berauschten, die Berauschten mit den Nutten, die Nutten mit den Polizisten, die Kurdenmafia mit der Türkenmafia und alle miteinander, dann wurde ein Baum gefällt, der Platz neu asphaltiert, drei Sitzbänke aufgestellt und ein Trinkbrunnen. Tagsüber sitzen da jetzt die Alkoholiker, Schüler essen Kebab und Angestellte der umliegenden Büros sonnen sich in der Mittagspause.

Das Quartier wird zurzeit einem Imagewandel unterzogen, die "positiven Eigenschaften des Geschäftsstandorts Langstrassenquartier" sollen in den Vordergrund gerückt werden, ausserdem muss natürlich an der Sicherheit und Sauberkeit gearbeitet werden, sagt der Verein Langstrassenmarketing. Disneylandisierung, sagen andere. Momentan befindet sich die Meile im Zustand einer eigenartigen Melange aus Milieupersonal und Szenevolk, Prostitution und Party, Drogensüchtigen und Spasssüchtigen, Verbrechern und Afterwork-Wilden. Eigenartig, aber auch einzigartig.

Vom Cabaret zur Partyinstitution

Es ist halb zwei Uhr morgens, ein Samstag. Der Polizeiwagen gleitet langsam, fast lautlos durch die Langstrasse, irgendwie haiähnlich. Er fährt auf der Busspur, die verbotenerweise aber konsequent von Fahrradfahrern genutzt wird. Sie weichen gemächlich auf das Trottoir aus, im Wissen, dass die Polizisten in diesem Teil der Stadt Wichtigeres zu tun haben.

Bei einer Gruppe zwielichtig aussehender Gestalten bleibt der Wagen stehen. Vier Beamte steigen aus und schnappen sich einen Mann, drücken ihn gegen eine Wand. Drei junge Mädchen in Leggins unter Miniröcken, eine mit einer kleinen Louis-Vuitton-Tasche, die ziemlich sicher echt ist, denn man kann an den teuren Haarschnitten und den dezenten Ballerinas ablesen, dass die Mädels Sprösslinge vom superreichen Züriberg sind, gehen grossäugig und mit einigem Abstand an der Szene vorbei, erst ein paar Schritte später beginnen sie aufgeregt zu schnattern.

Direkt gegenüber vom Ort der Festnahme, am Platz beim Taxistand, atmet die Bar "Longstreet" angeschickerte Feierwütige aus und wieder ein, mit jedem Öffnen der Tür schwappen ein eklektischer Musikmix und betrunkenes Gejohle in die Nacht. Noch vor einigen Jahren war das "Longstreet" ein Cabaret, dann kamen zwei Habitués der Zürcher Partyszene und machten daraus das, was inzwischen schon eine Institution ist.

Die Übernahme war so sanft, dass sich anfangs noch ältere Stammkunden des Cabarets in ballonseidenen Blousons verwirrt durch die neue Gästeschar drückten, ein durchaus beabsichtigter Effekt, wie die Betreiber sagen, denn sie streben eine "gute Durchmischung" an. In behutsamen Gesprächen erklärten sie vor der Übernahme dem Milieu, dass sie nicht vorhätten, es zu vertreiben. Auch Nutten seien nach wie vor willkommen im neuen "Longstreet", nur anschaffen dürften sie dort nicht. Inzwischen kommen sie nicht mehr.

Latina-Frauen an der Piranha-Bar

Der Puff-Schick des Interieurs wurde also beibehalten, roter Samt beherrscht das Lokal, im Separee des oberen Stocks steht noch immer die kleine Bühne mit der Stange, neu dazu kam ein Himmel aus Glühbirnen. In der Ekstase der Nacht schraubt Yves Spink, einer der Chefs des "Longstreet", gern welche ab und verschenkt sie an kurzfristig Angebetete. Er ist ein Clown, ein wahnsinniges Genie, eine wandelnde Legende von Drogen-Dummheiten, ein Durchgeknallter, ein unberechenbarer Feierjunkie, neuerdings ein ruhiger Bürger, wie er gern sagt, andere sagen "Zürichs Boris Jelzin", (ständig am Wanken, aber immer alles unter Kontrolle), einer, der von so vielen gekannt wird, dass er sie niemals alle kennen kann.

Sein Partner Koni Frei ist ein altgedienter Disco- und Gastrounternehmer. Und ein Pionier im Kreis: 1993 eröffnete er den Club "Kanzlei", in der Turnhalle auf dem Pausenplatz eines Schulhauses knapp am Rand des Milieus – er wurde als Spinner verschrien. Zwanzig Schritte weiter und ein paar Jahre später kam die "Central"-Bar dazu, noch mal ein paar Schritte weiter liegt heute seine Café-Bar "Sport".

Und dann marschierte Frei beherzt mitten ins Auge des Orkans, zum "Longstreet". Sein neuestes Baby ist das "Restaurant Volkshaus", genau in der Mitte zwischen Anfangs- und letztem Endpunkt, zwischen "Kanzlei" und "Longstreet". Vis-à-vis vom Helvetiaplatz mit dem grossen Gebäude, in dem ehemals das Sozialamt drin war, mit seinen Spritzenautomaten und den Junkies, die sich im Brunnen die Füsse waschen und wo es immer ein bisschen nach Urin riecht und wo man den Geldautomat lieber mit Handschuhen bedient und schnell macht.

Eine Tür neben dem "Longstreet", ebenfalls an den Platz angrenzend, flackert die grellgelbe Plastikpalme der "Piranha-Bar", Latina-Frauen stehen desinteressiert, aber aufreizend vor dem Eingang, von drinnen kommt Bummbummsalsa. Männer gucken. Gehen rein. Zwischen den Pforten von "Longstreet" und "Piranha-Bar" liegen eine Würstchenbude und der Eingang zu einem Bürohaus: Darin arbeiten Kreative. Ein Architekturbüro, eine hippe Werbeagentur, ein berühmtes Grafikatelier, eine Marketing-und Eventfirma.

Schoggigipfel in der 24-Stunden-Bäckerei

Ein Übersetzungsbüro war unter den Ersten im Haus, als im obersten Stock noch "die Frauen wohnten", wie der Chef sagt. "Die Frauen", das sind Nutten. Angst hatte sie nie, sagt eine Angestellte der ersten Stunde, "die Polizei ist ja immer präsent hier". Ab und zu gibt's Schlägereien, gar Schiessereien, aber man gewöhne sich daran. Über einen toten Drogensüchtigen steigen zu müssen, um ins Büro zu kommen, wie es vor einigen Jahren mal vorkam, das sei aber schon ziemlich schockierend.

Inzwischen ist es drei Uhr morgens an diesem Samstag, auf einer der Sitzbänke hockt eine junge Frau und weint, ihre Freundinnen reiben ihr tröstend den Rücken und tätigen Anrufe. Ein etwa Dreissigjähriger mit Schirmmütze ruft im Suff euphorisch einen Namen: Claudia, Claudia, immer wieder, seine Kumpels versuchen ihn amüsiert und halbherzig zu beruhigen, bugsieren ihn weg.

Vor dem "Happy Beck" tummeln sich Leute. Der "Happy Beck" ist wohl die markanteste Neuerung der letzten Zeit, hat vielleicht am meisten verändert. Die Bäckerei hat am Wochenende 24 Stunden geöffnet und ist Anlaufstelle für alle, die während des Feierns eine Stärkung brauchen oder Frühstück für den nächsten Morgen, der meist eigentlich schon angefangen hat. Drinnen gehen also die beliebten Schoggigipfel und andere Imbisse über die Theke, draussen warten Junkies mit hohlen Händen und zählen auf alkoholisierte Freigiebigkeit. Zu Recht.

Der Chef des "Happy Beck", Yakup Aydin, arbeitet bis zum Umfallen. Nachts die Clubbewohner, morgens die Quartierbewohner. Er ist in der Schweiz aufgewachsen, ging dann zurück in die Türkei, wo seine Familie eine Bäckerei namens "Zurih" eröffnete, mittlerweile gibt es davon drei Filialen. Aydin kam der Liebe wegen zurück nach Zürich und eröffnete vor eineinhalb Jahren den "Happy Beck".

Beraten wird der Familienbetrieb vom vielleicht berühmtesten Konditor der Schweiz nach DJ Bobo: Alfredo Lardelli, neuerdings Alfredo Borgatte dos Santos, eine schillernde Figur des Milieus. Der wegen dreifachen Mordes Verurteilte hat eine langjährige Haftstrafe abgesessen. Im Gefängnis machte er eine Ausbildung zum Konditor und fungiert so jetzt als Produktmanager der Bäckerei. Im Betrieb nennt man ihn "Papi".

Gleich gegenüber des "Happy Beck" liegt die Pforte zur "Zukunft", so heisst einer der momentan beliebtesten Elektroclubs der Stadt. Anfangs noch ein Geheimtipp der urbanen Avantgarde, wurde er schnell vom Plebs aus den Vorstädten entdeckt, was dazu führte, dass "geheime Parties" eingeführt wurden, von denen nur Auserwählte via SMS erfahren. Man will ja manchmal auch unter sich sein. Zusätzlich gibt es äusserst begehrte gravierte Fingerringe für einige Wenige, sie garantieren Eintritt und Preisnachlass.

Trotzdem oder gerade wegen dieser offenherzigen Arroganz platzt der Laden jedes Wochenende aus allen Nähten, vor allem kommen Mitglieder des mehr geduldeten als erwünschten Publikums – junge Männern mit Gel in den Haaren und engen T-Shirts, darauf Prints von englischen Wörtern mit mindestens einem "x" drin, junge Frauen mit engen weissen Stoffhosen, unter denen sich der String abzeichnet, und superspitzen Schuhen, diesem internationalen Prollausweis.

Durchmischung im Schnupf

Wieder draussen: Eine magere Drogensüchtige ist mit ihrem Kickbike gestürzt, direkt vor dem Longstreet. Ein paar modische Frauen helfen ihr aufzustehen und ernten einen pestigen Zusammenschiss. Sie gehen erschrocken weiter und reden davon, in den "Schnupf" zu gehen, eine Spelunke, in die sich noch vor kurzer Zeit nie jemand reingetraut hätte, der nicht schon seit Jahrzehnten sein erstes Bier am Morgen dort trinkt – jetzt ist es in der Szene cool geworden, die Rückzugsorte sozial Aussortierter zu frequentieren. Durchmischung, auch hier. Durchmischung allüberall.

Nicht weit von hier, an der Eisenbahnlinie im nahen Industriequartier, war der Startpunkt eines ebenfalls sehr durchmischten Umzugs, wie ihn Zürich trotz Street-Parade-Abgebrühtheit noch nie gesehen hatte: Unter dem Motto "Reclaim the Streets" organisierte die alternativkünstlerische Szene 2003 ein Fest in Zürichs Strassen, etwa 3000 Menschen feierten mit und versuchten die gegenläufigen Anstrengungen der Polizei so gut es ging zu ignorieren.

2005 errichteten Initianten aus dem gleichen Umfeld eine Bretterstadt an der Sihl, gleich bei der Börse. Es sollte eine Demonstration sein gegen die Unterdrückung der Subkultur, gegen die Ausgrenzung missliebiger Personen und gegen mangelnde Freiräume für nichtkonsumorientierte Aktivitäten – und es war ein vier Tage dauernder Riesenspass. Für die ganze Familie, sozusagen.

Hamam im Modeshop

Die Subkultur ist in Zürich so sub gar nicht, und das ist gut so, es rettet die City vor dem Antiseptischen. Seit vielen Jahren schon schaffen es die jungen und schon älteren Wilden immer wieder, die Zwinglistadt in ihren Grundfestungen zu erschüttern und zu persiflieren. Da werden leer stehende Universitätsgebäude besetzt und zu öffentlich zugänglichen Museen, Clubs, Cafés, Künstlerateliers gemacht.

Immer mal wieder geht das Gerücht von neuen "Zwischennutzungen", halblegalen Besetzungen, oft zwischen Räumung und Abriss eines Hauses. Die sind heutzutage meist am Stadtrand, und Interessierte pilgern hin, erzählen danach von den tollsten Parties. Ganz nebenbei werden so neue Gebiete erschlossen, immer, wenn wieder ein Haus besetzt war, tut sich nachher etwas in dem Quartier, es wird lebendiger, urbaner.

Die Bewegung um die alternative Kunstszene zeigt sich auch in der Langstrasse, und zwar in einer avantgardistischen Galerie namens "Perla-Mode", ein paar Schritte von jenem Platz entfernt, von dem aus sich so viele Fäden ins andere Zürich spinnen lassen. Das ist allerdings auch nur eine "Zwischennutzung" – in ein oder zwei Jahren soll dort ein Hamam entstehen, munkelt man. Ein Hamam an der Langstrasse. Das klingt jetzt noch so abwegig wie vor zwei Jahren "echte Louis-Vuitton-Taschen an der Langstrasse".

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